Mikroplastik aus Zahnschienen: Wie sicher sind Invisalign, Knirscherschienen und Schnarcherschienen?
Aligner wie Invisalign, Knirscherschienen bei Bruxismus oder CMD und Schnarcherschienen werden oft viele Stunden täglich getragen. Eine aktuelle wissenschaftliche Studie aus dem Jahr 2026 zeigt, dass Kunststoffe aus kieferorthopädischen Schienen Mikro- und Nanoplastikpartikel freisetzen können. Doch was bedeutet das tatsächlich für die Gesundheit? Und sollte man deshalb auf eine medizinisch sinnvolle Schiene verzichten?
Die kurze Antwort lautet: Nein. Die neue Studie liefert wichtige Hinweise auf die biologische Interaktion von Kunststoffpartikeln, weist aber keine gesundheitliche Schädigung durch das Tragen von Invisalign oder anderen Zahnschienen beim Menschen nach.
Als Zahnärztin arbeite ich selbst mit Invisalign sowie mit therapeutischen Schienen bei CMD und Bruxismus und mit Schnarcherschienen. Gerade deshalb halte ich es für wichtig, neue Erkenntnisse über die von uns verwendeten Materialien ernst zu nehmen – ohne daraus vorschnell Ängste abzuleiten.
Mikroplastik aus Zahnschienen: Was hat die neue Studie herausgefunden?
Forscher der University at Buffalo und der University of Pittsburgh untersuchten in einer 2026 veröffentlichten Studie sechs verschiedene Kunststoffe, die für kieferorthopädische Schienen verwendet werden.
Verglichen wurden drei direkt im 3D-Druck hergestellte Materialien mit drei konventionell thermogeformten Materialien. Zu den untersuchten thermogeformten Materialien gehörte auch Invisalign SmartTrack.
Die Materialproben wurden eine Woche lang in künstlichem Speichel gelagert und täglich mechanisch bewegt.
Das wesentliche Ergebnis: Alle sechs untersuchten Materialien setzten messbare Mikro- oder Nanoplastikpartikel frei.
Dabei bestanden allerdings deutliche Unterschiede. Die untersuchten direkt 3D-gedruckten Materialien setzten insgesamt höhere Partikelkonzentrationen frei und gaben mehr größere Partikel im Mikrometerbereich ab. Bei den thermogeformten Materialien fanden die Forscher überwiegend kleinere Partikel im Nanometerbereich.
Das zeigt bereits einen wichtigen Punkt: Kunststoff ist nicht gleich Kunststoff. Materialzusammensetzung und Herstellungsverfahren spielen offenbar eine wesentliche Rolle.
Was passiert mit diesen Kunststoffpartikeln im Körper?
Im zweiten Teil der Untersuchung beschäftigten sich die Forscher mit sogenannten Makrophagen.
Makrophagen gehören zu unserem Immunsystem. Sie erkennen und beseitigen unter anderem Fremdmaterial und sind an Entzündungs-, Reparatur- und Heilungsprozessen beteiligt.
Im Labor konnten Makrophagen Kunststoffpartikel mit einer Größe von etwa 2 bis 10 Mikrometern aufnehmen.
Bei einigen der untersuchten Materialien veränderte sich anschließend das Verhalten der Makrophagen. Bei Lux, Nylon und Invisalign kam es unter den gewählten Versuchsbedingungen zu einer signifikanten Zunahme eines eher proinflammatorischen Makrophagen-Phänotyps.
Interessanterweise wurde die Lebensfähigkeit der Zellen durch keines der untersuchten Materialien vermindert.
Diese Ergebnisse sind wissenschaftlich relevant. Sie bedeuten jedoch nicht automatisch, dass die gleichen Vorgänge beim Menschen auftreten oder dass das Tragen einer Zahnschiene chronische Entzündungen verursacht.
Verursacht Invisalign durch Mikroplastik Entzündungen?
Das ist nach heutigem Wissensstand nicht nachgewiesen.
Die aktuelle Untersuchung ist eine Laborstudie. Untersucht wurde, wie Makrophagen unter definierten experimentellen Bedingungen auf Kunststoffpartikel reagieren.
Das ist etwas anderes als die klinische Situation eines Menschen, der einen Aligner trägt.
Aus der Studie können wir ableiten, dass Invisalign wie die anderen untersuchten Kunststoffe Partikel freisetzen kann und dass diese Partikel unter Laborbedingungen mit Immunzellen interagieren können.
Wir können daraus nicht ableiten, dass Invisalign beim Menschen chronische Entzündungen oder andere Erkrankungen verursacht.
Für eine solche Aussage wären klinische Langzeituntersuchungen am Menschen erforderlich.
Warum biete ich trotzdem Invisalign-Behandlungen an?
Diese Frage ist für mich besonders wichtig, denn ich behandle in meiner Praxis selbst mit Invisalign.
Medizin bedeutet fast immer, Nutzen und mögliche Risiken gegeneinander abzuwägen.
Eine Aligner-Behandlung kann je nach Ausgangssituation nicht nur aus ästhetischen Gründen sinnvoll sein. Zahnstellung, Funktion, Reinigungsfähigkeit und die langfristige Versorgung des Gebisses können ebenfalls eine Rolle spielen.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht:
„Enthält diese Behandlung Kunststoff?“
Sondern:
„Welchen therapeutischen Nutzen hat die Behandlung für diesen Patienten – und stehen Nutzen, Material und mögliche Belastungen in einem vernünftigen Verhältnis zueinander?“
Neue Forschungsergebnisse verändern für mich deshalb nicht grundsätzlich den Stellenwert einer sinnvollen Aligner-Therapie. Sie sind aber ein Grund mehr, Dentalmaterialien aufmerksam und kritisch zu betrachten.
Mikroplastik bei Knirscherschienen und CMD-Schienen
Noch deutlicher wird diese Nutzen-Risiko-Abwägung bei Bruxismus, Zähneknirschen und CMD.
Wer stark knirscht oder presst, kann über Jahre erhebliche Mengen an Zahnhartsubstanz verlieren. Zähne können empfindlicher werden, Füllungen oder keramische Versorgungen können geschädigt werden und Kaumuskulatur sowie Kiefergelenke können Beschwerden verursachen.
Eine individuell geplante Schiene kann deshalb eine wichtige therapeutische Funktion erfüllen.
Dabei gilt allerdings auch: Nicht jeder Patient, der knirscht, benötigt automatisch dieselbe Art von Schiene.
Bei CMD ist für mich die Diagnostik entscheidend. Welche Beschwerden bestehen? Liegt die Problematik eher muskulär oder artikulär? Wie ist die funktionelle Situation? Soll die Schiene primär Zahnhartsubstanz schützen oder verfolgen wir ein weitergehendes therapeutisches Ziel?
Eine Schiene sollte deshalb nicht isoliert betrachtet werden, sondern Bestandteil eines individuell geplanten Behandlungskonzeptes sein.
Und was ist mit Schnarcherschienen?
Auch Schnarcherschienen beziehungsweise Unterkieferprotrusionsschienen werden über viele Stunden und häufig über einen längeren Zeitraum getragen.
Ihr therapeutisches Ziel unterscheidet sich grundlegend von einer Knirscherschiene: Durch eine Vorverlagerung des Unterkiefers soll der Atemweg während des Schlafes besser offengehalten werden.
Bei entsprechender Indikation können Unterkieferprotrusionsschienen auch bei obstruktiver Schlafapnoe zum Einsatz kommen.
Gerade hier zeigt sich, warum die Diskussion über Kunststoffe nicht losgelöst vom medizinischen Nutzen geführt werden sollte.
Wenn eine Schiene einen relevanten therapeutischen Nutzen hat, wäre es nicht sinnvoll, allein aufgrund eines im Labor nachgewiesenen Mikroplastikabriebs auf die Behandlung zu verzichten.
Vielmehr sollten Indikation, Material, Tragedauer und Zustand der Schiene gemeinsam betrachtet werden.
Gibt eine ältere Zahnschiene weniger Mikroplastik ab?
Diese Frage ist besonders interessant – und wissenschaftlich bislang nicht eindeutig beantwortet.
Es erscheint zunächst plausibel, dass bei einem neuen Kunststoff oberflächennahe oder leichter ablösbare Bestandteile zunächst verstärkt freigesetzt werden und die Abgabe anschließend zurückgehen könnte.
Daraus lässt sich derzeit jedoch nicht ableiten, dass eine ältere Schiene grundsätzlich weniger Mikroplastik freisetzt.
Denn gleichzeitig altert das Material.
Speichel, Temperaturschwankungen, mechanische Belastung, Zähneknirschen und Pressen sowie die tägliche Reinigung können die Oberfläche einer Schiene verändern. Kratzer, Abrieb und eine zunehmende Oberflächenrauigkeit könnten wiederum die Partikelfreisetzung begünstigen.
Die aktuelle Studie beantwortet die wichtige Frage, wie sich die Partikelfreisetzung einer tatsächlich getragenen Zahnschiene über Monate oder Jahre entwickelt, nicht.
Hier besteht weiterer Forschungsbedarf.
Deshalb halte ich auch nichts davon, aufgrund der Mikroplastikdiskussion pauschal zu sagen: „Eine möglichst alte Schiene ist besser“ – oder umgekehrt Schienen vorsorglich besonders häufig auszutauschen.
Entscheidend sind der klinische Zustand der Schiene und ihre therapeutische Funktion.
Sollte ich meine alte Knirscherschiene austauschen?
Nicht allein aufgrund ihres Alters.
Eine Schiene sollte regelmäßig kontrolliert werden. Dabei können unter anderem Passung, Funktion, Bisssituation, Verschleiß und Zustand der Oberfläche beurteilt werden.
Gerade bei Patienten mit starkem Bruxismus können erhebliche mechanische Belastungen entstehen. Eine sichtbar stark zerkratzte, beschädigte oder nicht mehr korrekt passende Schiene sollte deshalb zahnärztlich kontrolliert werden.
Aus der aktuellen Mikroplastikforschung lässt sich jedoch kein wissenschaftlich gesichertes Austauschintervall ableiten.
Ganzheitliche Zahnmedizin: Materialien weder verteufeln noch ignorieren
Für mich bedeutet ganzheitliche Zahnmedizin nicht, moderne Kunststoffe grundsätzlich abzulehnen.
Ganzheitlich zu behandeln bedeutet vielmehr, den gesamten Patienten und den gesamten therapeutischen Zusammenhang zu betrachten.
- Welche Beschwerden bestehen?
- Welchen Nutzen hat eine Behandlung?
- Welches Material verwenden wir?
- Wie lange verbleibt es im Mund?
- Welche Alternativen gibt es?
- Und was wissen wir – beziehungsweise was wissen wir noch nicht – über mögliche biologische Auswirkungen?
Gerade die letzte Frage verändert sich mit dem wissenschaftlichen Fortschritt.
Die neue Forschung über Mikro- und Nanoplastik aus Dentalmaterialien nehme ich deshalb ernst. Sie zeigt, dass wir unterschiedliche Kunststoffe und Herstellungsverfahren nicht automatisch als biologisch identisch betrachten sollten.
Sie zeigt aber nicht, dass Invisalign, Knirscherschienen, CMD-Schienen oder Schnarcherschienen beim Menschen nachweislich gesundheitsschädlich sind.
Beide Aussagen sind wichtig.
Sollte ich meine Zahnschiene wegen Mikroplastik nicht mehr tragen?
Eine medizinisch sinnvolle oder bereits laufende Schienentherapie sollte aufgrund dieser einzelnen Laborstudie nicht eigenständig abgebrochen werden.
Wer Invisalign trägt oder regelmäßig eine Knirsch-, CMD- oder Schnarcherschiene verwendet und sich Gedanken über das Material macht, sollte die individuelle Situation mit seinem Zahnarzt besprechen.
Insbesondere bei länger getragenen Schienen können regelmäßige Kontrollen sinnvoll sein, um Passung, Funktion und Materialzustand zu überprüfen.
Mein Fazit als Zahnärztin
Die aktuelle Forschung zu Mikroplastik aus Zahnschienen ist wichtig – und ich finde, wir sollten als Zahnärzte offen darüber sprechen.
Die Studie aus dem Jahr 2026 zeigt, dass alle sechs untersuchten kieferorthopädischen Kunststoffe Mikro- oder Nanoplastikpartikel freisetzten. Direkt 3D-gedruckte Materialien setzten dabei insgesamt höhere Partikelkonzentrationen frei als die untersuchten thermogeformten Materialien.
Die Studie zeigt außerdem, dass bestimmte Kunststoffpartikel von Makrophagen aufgenommen werden und deren Verhalten unter Laborbedingungen beeinflussen können.
Was sie nicht zeigt, ist ein Nachweis dafür, dass das Tragen von Invisalign oder anderen Kunststoffschienen beim Menschen chronische Entzündungen oder andere Erkrankungen verursacht.
Für meine Arbeit bedeutet das: Neue Erkenntnisse ernst nehmen, Materialien bewusst auswählen und gleichzeitig den medizinischen Nutzen einer Behandlung nicht aus den Augen verlieren.
Das gilt für meine Invisalign-Behandlungen ebenso wie für die Schienentherapie bei CMD und Bruxismus sowie für Schnarcherschienen.
Denn gute Zahnmedizin besteht für mich nicht darin, ein Material pauschal als „gut“ oder „schlecht“ einzuordnen.
Sie besteht darin, für jeden Patienten sorgfältig abzuwägen, welche Behandlung sinnvoll ist, welches therapeutische Ziel wir verfolgen und wie wir dieses möglichst schonend erreichen können.
Häufige Fragen zu Mikroplastik und Zahnschienen
Gibt Invisalign Mikroplastik ab?
Ja. In einer 2026 veröffentlichten Laborstudie wurden bei Invisalign SmartTrack sowie fünf weiteren untersuchten Dentalmaterialien Mikro- beziehungsweise Nanoplastikpartikel nachgewiesen. Wie relevant diese Partikelmengen unter realen klinischen Bedingungen für die menschliche Gesundheit sind, ist damit nicht geklärt.
Ist Invisalign gesundheitsschädlich?
Die aktuelle Studie liefert keinen Nachweis dafür, dass Invisalign beim Menschen gesundheitsschädlich ist. Sie zeigt jedoch, dass Partikel freigesetzt werden können und dass diese unter Laborbedingungen mit Immunzellen interagieren können.
Verursacht Mikroplastik aus Alignern Entzündungen?
Im Labor führten Partikel bestimmter untersuchter Materialien zu Veränderungen von Makrophagen in Richtung eines proinflammatorischen Phänotyps. Ob daraus beim Menschen klinisch relevante Entzündungen entstehen, ist nicht nachgewiesen.
Geben Knirscherschienen Mikroplastik ab?
Kunststoffbasierte Schienen können grundsätzlich Partikel freisetzen. Wie viel eine konkrete Knirscherschiene unter realen Bedingungen freisetzt, hängt unter anderem von Material, Herstellung und mechanischer Beanspruchung ab und lässt sich aus der aktuellen Studie nicht pauschal beantworten.
Sind alte Zahnschienen besser als neue?
Das ist wissenschaftlich nicht belegt. Einer möglichen anfänglich höheren Freisetzung oberflächennaher Partikel stehen Alterung, Kratzer und mechanischer Verschleiß gegenüber. Deshalb sollte der Zustand einer Schiene individuell beurteilt werden.
Wie oft sollte eine Knirscherschiene ausgetauscht werden?
Ein allgemeines Austauschintervall lässt sich aus der Mikroplastikforschung nicht ableiten. Entscheidend sind unter anderem Passung, Funktion, Materialzustand und individuelle Beanspruchung.
Sind 3D-gedruckte Schienen problematischer?
In der aktuellen Studie setzten die drei untersuchten direkt gedruckten Materialien höhere Partikelkonzentrationen frei als die drei untersuchten thermogeformten Materialien. Daraus lässt sich jedoch nicht ableiten, dass grundsätzlich jede 3D-gedruckte Schiene gesundheitlich problematischer ist.
Sind Schnarcherschienen aus Kunststoff bedenklich?
Aus der aktuellen Forschung lässt sich keine generelle gesundheitliche Bedenklichkeit von Schnarcherschienen ableiten. Bei einer medizinisch indizierten Unterkieferprotrusionsschiene muss eine mögliche Materialexposition außerdem im Zusammenhang mit dem therapeutischen Nutzen betrachtet werden.
Wissenschaftliche Quelle
Warunek J, Warunek S, Calderon M, Franks J, Watkins S, Turnquist H, Al-Jewair T. Orthodontic derived microplastics impact macrophage differentiation and homeostasis. Progress in Orthodontics. 2026;27:3. DOI: 10.1186/s40510-026-00608-3.
